Die politischen Ereignisse scheinen in den Protokollen verhältnismäßig zurückhaltend auf – am einschneidendsten dann im Krieg, wenn Aktive und auch Dirigent Martin eingezogen wurden – am schmerzlichsten, wenn die Familien ihre gefallenen Söhne und die Musikkapelle ihre verlorenen aktiven Mitglieder zu betrauern hatten. Es tauchen neue Begriffe auf: Zu Weihnachten 1930 eröffnet nicht mehr Vorstand „Schultheiß“ Igel die Feier, es heißt Vorstand „Bürgermeister“ Igel.

Mitgliedskarte

Das Programm für 1933, soweit darüber berichtet wurde, sah so aus: 36 Proben, 8 Konzerte, 14 Marschmusiken, 3 Platzkonzerte, 1 Kriegergedächtnisfeier. Die Kirchenfeste werden nicht erwähnt. Bürgermeister Weiler erklärte sich weiterhin bereit, von der Gemeinde aus einen Zuschuss zu gewähren. Die Weihnachtsfeier 1933 trug fremde Züge. Von einer Begrüßung durch Vorstand Bürgermeister Igel ist nicht die Rede, dafür hielt Bürgermeister Amtsverweser Weiler eine „markante Ansprache“ und „schilderte in gut gewählten Worten Weihnachten im Dritten Reich“. Eine Gabenverlosung „erschien in diesem Jahr nicht zweckmäßig“. Die Eintrittsgelder wurden der Winternothilfe zur Verfügung gestellt. „Es war ein ganz schöner Zug und für manchen mittellosen Volksgenossen ein Trost für die Zukunft.“ heißt es in Anton Schütterles Protokoll. Musikalisch blieb es beim Hergekommenen. Der Männerchor beteiligte sich, und die Kapelle gab im Wechsel mit ihm ein Konzert.

Dritte Reich und danach

Auch in den Folgejahren blieb es weitgehend beim Alten, wenn auch von keiner Gabenverlosung mehr erzählt wird und die Eintrittsgelder dem Winterhilfswerk zur Verfügung gestellt werden. Im Krieg gab es dann keine Weihnachtsfeier im Gasthaus Jäger mehr. Es wurden nur noch in der Kirche Weihnachtslieder gespielt. Aber wie immer war die Kapelle bei den kirchlichen Festen beteiligt. Die Tradition setzte sich stillschweigend fort, auch wenn es jetzt neue Anlässe für musikalische Auftritte gab: Jährlich am 9. November den „Gedenktag für die Gefallenen der Bewegung“, „Heldenehrungen“, eigentlich die Trauerfeiern für die Gefallenen, Versammlungen der NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei), vier bis sechs im Jahr. Die Feste erhielten einen anderen Anstrich: 1. Maifeier, Sonnwendfeier, Erntetanz. 1934 eröffnete wieder der 1. Vorsitzende, nun Bürgermeister a. D. Igel, die Generalversammlung. In diesem Jahr wäre das 25-jährige Bestehen der Kapelle zu feiern gewesen und es sollten auch die sich noch bei der Kapelle befindlichen Gründungsmitglieder Anton Weißhaupt und Josef Steinhauser geehrt werden, sowie der Gründer Jakob Schuhmacher. Aus irgendeinem Grunde kam es dazu nicht. Auch fand 1935 keine Generalversammlung statt, aber wenigstens der schon erwähnte Ausflug. Erst verspätet, im Januar 1936, gab es eine Feier mit reichhaltigem Programm: Musikstücke, Geschäftsbericht, Ehrungen, Männerchor, Lustspiel, Singspiel und Tanz. In der Generalversammlung 1938 legte Altbürgermeister Igel sein Amt als Vorstand wegen seines fortgeschrittenen Alters nieder. In dieser Generalversammlung im März hatten die Vereinsmitglieder keine Gelegenheit, einen neuen Vorstand zu wählen. Das geschah in einer darauf folgenden Ausschusssitzung, wo Bürgermeister Weiler als neuer Vorstand vorgeschlagen und von den Ausschussmitgliedern auch gewählt wurde.

Die Kriegsjahre lähmten. Die Musiker hielten fast keine Proben ab. Von sechs Proben 1941, zwölf Proben 1942 und achtzehn Proben 1943 wird berichtet. Sieben aktive und dreizehn passive Mitglieder waren 1942 eingezogen. Alles ging auf Sparflamme, aber jedes Jahr gab es doch die Generalversammlung. Während die Versammlung 1941 vom 1. Vorsitzenden Bürgermeister Weiler noch mit einem „Sieg Heil auf den Führer und die siegreiche Wehrmacht“ beendet wurde, wird so etwas in den Folgeprotokollen nicht mehr erwähnt. 1944 erschien Bürgermeister Weiler nicht bei der Generalversammlung, die stattdessen Dirigent Anton Martin leitete.
1945, bei Kriegsende und Einmarsch der Franzosen, gab es verständlicherweise keine Generalversammlung, und so fehlt mit dem Protokoll auch der Bericht über 1944.

Das Dritte Reich und danach

Nach dem Krieg durften keine Zusammenkünfte ohne Genehmigung der französischen Militärregierung abgehalten werden und auch Vereine durften sich nur mit solch einer Genehmigung gründen. Der Musikverein erhielt diese Genehmigung 1948 und hielt am 9. Mai 1948, also genau zwei Jahre nach Kriegsende, eine erneute Gründungsversammlung ab. Der neue Bürgermeister Rösch eröffnete die Versammlung. Neue Statuten waren schon ausgearbeitet worden, die er erläuterte.
Als Vorstand wählten die Vereinsmitglieder Sägewerksbesitzer Hermann Spieß aus Sigmarshofen, den Sohn jenes schon erwähnten freigebigen Gönners.

Im Ausschuss saß Bürgermeister Rösch, und wir finden dort auch die alten Mitglieder wieder: Josef Igel, Liebenhofen, Josef Rothmund, Menisreute, Josef Steauser, Liebenhofen.
Wie immer schon umrahmte die Kapelle die Versammlung mit musikalischen Beiträgen, geleitet vom treuen Dirigenten Anton Martin. Als Schriftführer zeichnete nun Josef Diemer.
Erstaunlich schnell ging es aufwärts. Alle sehnten sich nach Normalität und nach Vergessen der Kriegsleiden. Im Juni 1948 brachte die Währungsreform wirtschaftliche Stabilisierung. So gab es schon im September wieder einen zweitägigen Ausflug. Essen wurde mitgenommen. Es war gestiftet von den Aktiven – ohne Lebensmittelmarken! Auch „zwei Fässchen Saft wurden für die durstigen Seelen in den Omnibus geladen“ und in Anknüpfung an die früheren Zeiten ging es wieder ins Gebirge nach Oberstdorf und zum Nebelhorn. Als Besonderheit berichtet das Protokoll von zwei Damen, die mit Stöckelschuhen ausgestattet den Abstieg ins Oytal wagten. Das hielten diese Schuhe, damals eine Kostbarkeit, natürlich nicht aus.
Schon nach diesem ersten Jahr wurde das „störende“ Fehlen von Uniformen erwähnt. Alle Bemühungen galten nun der Anschaffung neuer Uniformen.
1952 gab es ein großes Fest anlässlich der neuen Wasserversorgung des Ortes, mit Umzug, Einweihung der Pumpstation und Kinderfest am Nachmittag.
1956 konnte die Kapelle ein eigenes Probelokal in der neu gebauten Gemeindehalle beziehen. Vorher war immer im Gasthaus Zum Jäger geprobt worden.

1959 feierte sie das 50-jährige Jubiläum mit einem Jubiläumskonzert zusammen mit den Gastkapellen Schlier und Bodnegg in dieser neuen Halle und die Musiker traten dann auch in neuen Uniformen auf.
Die Kapelle war unter ihrem neuen Dirigenten Paul Kaczmarek, einem Flüchtling aus Schlesien, auf so beachtlichem Stand, dass der Südfunk Stuttgart 1967 eine seiner Sendungen dieses Jahres „Mit Volksmusik ins Land hinaus“ in Grünkraut aufnahm.
20 Jahre lang lagen die Geschicke des Vereins in den bewährten Händen von Vorstand Hermann Spieß, als dieser 1968 ganz unerwartet starb und das Amt an den 2. Vorstand Anton Stiehle fiel. Schon nach nicht ganz zwei Wahlperioden musste neu gewählt werden. Anton Stiehle mochte das Amt des 1. Vorstands nicht dauerhaft übernehmen.

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